Die EU 2014: soziale Verwerfungen, politische Konflikte, diskutierte Lösungsansätze

Schlagwörter

Ein Essay zum Schwerpunkt “Europa” von Saskia Richter

Die Wahlen zum Europäischen Parlament 2014 stehen noch immer im Zeichen der Krise. Martin Schulz, derzeitiger Präsident des Europaparlamentes, ist zum Spitzenkandidat der SPD gewählt worden; als gemeinsamer Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokratien könnte er Nachfolger von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso werden (zeit-online, 26.01.2014). Schulz selbst setzt sich unter anderem für mehr Transparenz in den demokratischen Prozessen der EU ein. Er betont, bei der Bewältigung von Schuldenkrise und Jugendarbeitslosigkeit mehr sozialdemokratische Akzente setzen zu wollen (süddeutsche.de, 26.01.2014). Wie steht es im Jahr der Europawahl, sechs Jahre nach der Finanzkrise, um soziale Verwerfungen und politische Konflikte in der EU? Und welche Lösungsansätze werden von wem diskutiert? Weiterlesen

Advertisements

Neuer Policy Brief: Wikipedia – Grenzenlose Exklusion?

Schlagwörter

, , ,

Lange wurde die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia wegen übermäßiger Offenheit – jede/r kann die Artikel ändern – kritisiert. In einem Policy Brief auf Basis seines Inputs bei dem Gesprächskreis-Treffen zu „Exklusion“ beschäftigt sich Leonhard Dobusch damit, wie sich diese Kritik mittlerweile verschoben hat:

Mit dem Erfolg der Wikipedia hat sich auch die Kritik an ihr geändert, ja paradoxerweise ins Gegenteil verkehrt. Nicht übermäßige, sondern mangelnde Offenheit gilt heute als das größte Problem der Wikipedia. Zwar kann immer noch jede/r Wikipedia editieren, tatsächlich tut es aber letztlich nur eine kleine Minderheit.

Der Policy Brief steht unter einer Creative-Commons-Lizenz und kann hier als PDF heruntergeladen werden.

Politische und wissenschaftliche Inklusion von Kindern als Herausforderung sozialdemokratischer Politik und Programmatik

Schlagwörter

Ein Essay zum Schwerpunkt „Exklusion“ von Michael Sander

Die politische aber auch die wissenschaftliche Exklusion von Kindern zu überwinden, muss ein zentrales Anliegen der Sozialdemokratie sein.
Exklusion ist der Prozess, mit dem bestimmte soziale Gruppen, die sich selbst als die „eigentliche Gesellschaft“ verstehen, andere Gruppen oder Individuen aus der
Gesellschaft oder ihren Teilsystemen ausschließen. Der Begriff ist insoweit grundlegender als sozialpolitische Marginalisierungskonzepte, als er sich nicht nur auf die Rolle eines Individuums als Leistungsträger oder Publikum innerhalb der Gesellschaft oder ihrer Teilsysteme bezieht, sondern auf die grundlegende Anerkennung oder Nichtanerkennung der Betroffenen als legitime Subjekte eines (Teil-)Systems überhaupt.
Aus der emanzipatorischen Grundausrichtung der Sozialdemokratie folgt bei dieser Definition zwingend ihr Auftrag, Exklusionsmechanismen zu überwinden, konkret also, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen als legitime gesellschaftliche Subjekte und soweit wie individuell möglich als soziale Akteure in möglichst vielen Teilsystemen anerkannt werden. Die Frage, welche Rolle die jeweiligen Individuen innerhalb der Teilsysteme annehmen, ist demgegenüber zunächst sekundär. Aus sozialdemokratischer Sicht ist dabei die aktive Beteiligung einer passiven „Surrogatinklusion“ in der Rolle des Publikums vorzuziehen.

Die (wahrgenommene) Situation von Kindern entspricht oft quasi wörtlich Niklas
Luhmanns Auflistung verschiedener Exklusionsformen als „.. keine Arbeit, kein
Geldeinkommen, kein Ausweis … kein Zugang zu Verträgen und zu stabilen
Rechtsschutz.“ (Luhmann 1998: 630; zitiert nach Stichweh 2009: 18). Diese Situation ergibt sich daraus, dass Inklusionsprozesse nach unterschiedlichen Phasen im Lebenszyklus gesellschaftlich gestaffelt werden. Kinder werden daher in erster Linie als passives Publikum in die Teilsystemen „Erziehung“ und „Familie“ inkludiert und primär in ihren entsprechenden Rollen wahrgenommen.

Weiterlesen

Exklusion

Schlagwörter

Essay zum Schwerpunkt „Exklusion“ von Johanna Klatt

Exklusion[1] ist ein beidseitiger Prozess, der paradoxerweise eben daraus resultiert, dass gesamtgesellschaftlich dominierende Werte von sozial Schwachen in gleichem Maße verinnerlicht sind wie von anderen sozialen Gruppen. Die Ziele und Horizonte von „Unterschicht“ und „Mittelschicht“ unterscheiden sich weniger voneinander als in der breiten Öffentlichkeit angenommen wird. Der Abnormalitätsprämisse, die „Unterschicht“ vertrete spezifische Normen und lebe in einer ganz eigenen „Kultur der Armut“, ist dahingehend zu widersprechen. Denn gerade die Orientierung an omnipräsenten Werten (Arbeit, Leistung, Bildung) und das zeitgleiche Wissen um die geringe Wahrscheinlichkeit auf (Re-)Integration in den ersten Arbeitsmarkt, lassen Exklusion entstehen und zum Teil verheerend auf das betroffene Individuum wirken. Aus diesem Wertesystem ergibt sich eine klare Hierarchie bestimmter beruflicher Tätigkeiten (keine Arbeit, gering qualifizierte Arbeit, wissensbasierte Arbeit), die den Wert eines Mitgliedes unserer Gesellschaft bestimmt. Die Dimension Arbeit (und nicht allein die materielle Dimension) ist damit die dominierende und über alle anderen Dimensionen erhabene.

Weiterlesen

Inklusive Bildungspolitik

Schlagwörter

Ein Essay zum Schwerpunkt „Exklusion“ von Inken Wiese

Die Volkswirtin und Philosophin Lisa Herzog argumentierte jüngst in einem Artikel in der „FAZ am Sonntag“, dass es zu den staatsbürgerlichen Pflichten gehört, sich für eine Bildungspolitik zu engagieren, die der Chancengleichheit als einem „zentralen Wert demokratischer Rechtstaaten“ tatsächlich gerecht wird. Sie zeigt auf, wie die individuelle Förderung, die insbesondere Mittelschichts-Eltern ihren Kindern zukommen lassen, deren Startvorteile nur vermeintlich verbessert. Denn dieses „Rattenrennen“ führt nach Herzog dazu, dass alle, die mitrennen, „am Ende auf dem gleichen relativen Platz landen wie vorher. Diejenigen aber, die nicht mitrennen [ergänze: können, I.W.], erfahren eine Verschlechterung ihrer relativen Position, auch wenn sie sich absolut gesehen nicht verändert hat“. Herzog argumentiert, dass der strukturell im deutschen Bildungssystem angelegten sozialen Segregation Einhalt geboten werden muss und stattdessen Maßnahmen ergriffen werden müssen, um „Erfahrung von Gemeinschaft, Begegnungen über die Schichten hinweg und einen Sinn von Normalität“ erlebbar zu machen. Eine solche Bildungspolitik zu schaffen, ist Aufgabe der Politik. Dies einzufordern, ist damit letztlich Aufgabe aller Bürger.

Weiterlesen

Exklusion

Schlagwörter

Ein Essay zum Schwerpunkt „Exklusion“ von Heiko Giebler

Exklusion aus dem Prozess der politischen Willensbildung und Entscheidungsfindung kann gravierende Folgen haben. Politik strukturiert das gesellschaftliche Zusammenleben auf Basis kollektiv bindender Entscheidungen; im Gegensatz zu Werten und Normen, die eine ähnliche Aufgabe erfüllen, geschieht dies in reglementierter Art und Weise. Die Exklusion aus diesem Prozess ist also gleichbedeutend mit einer Situation der asymmetrischen Machtverteilung zu Gunsten inkludierter Individuen oder Kollektivakteuren bezüglich der (zukünftigen) Gestaltung einer politischen Gemeinschaft. In einem solchen Zustand herrscht keine Deckungsgleichheit zwischen „Gesetzgebern“ und „Gesetzunterworfenen“.

Weiterlesen

Die digitale Exklusion verhindern!

Schlagwörter

Ein Essay zum Schwerpunkt „Exklusion“ von Simon Vaut

Die Digitalisierung eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten der Emanzipation und gesellschaftlichen Teilhabe. Das Internet bietet Zugang zu umfassendem Wissen, grenzüberschreitender Kommunikation und erleichtert die Einbrinung in politische Diskurse. Es hat das Potenzial zu mehr Kooperation, mehr politische Transparenz und Demokratie. Jeder Laptop kann zu einem mächtigen Produktionsmittel werden.

Umso wichtiger, dass die digitale Welt kein Exklusiv-Klub wird! Der Politik kommt die Aufgabe zu, die digitale Spaltung der Gesellschaft zu überwinden, die zwischen Alten und Jungen, Stadt und Land sowie Bidungsreichen und Bildungsarmen droht.

Weiterlesen

Partizipation und Exklusion/Inklusion

Schlagwörter

Ein Essay zum Schwerpunkt “ Exklusion“ von Saskia Richter

Exklusion meint den Ausschluss von Individuen oder Gruppen in einer Gesellschaft. Dabei geht es nicht nur um MigrantInnen1, Kranke oder Behinderte, für die die Integration in die Gesellschaft aufgrund von Kraft- und Kommunikationshürden oder schlicht dem Anders-sein schwierig ist. Auch Armut kann zum sozialen Abstieg und zur Exklusion führen.2
Ein Teil der Partizipationsforschung zielt darauf ab, genau jene sozial Benachteiligten und Exkludierten in den Prozess politischer Willensbildung und Demokratie zu re-integrieren. Um eine möglichst gerechte Teilhabe zu ermöglichen gilt es daher, zunächst Mechanismen der Exklusion zu verstehen.3

Weiterlesen

Vermögensarmut

Schlagwörter

Ein Essay zum Schwerpunkt „Exklusion“ von Anita Tiefensee

Der materielle Wohlstand von Individuen besteht aus den beiden zentralen Ressourcen Einkommen und Vermögen. Wobei gerade der Besitz von letzteren neben erweiterten Konsummöglichkeiten u. a. Einkommensausfälle stabilisieren kann und der Alterssicherung, der (Aus-)Bildung von Kindern und der intergenerationalen Übertragung dient. Der Besitz von Vermögen schafft somit eine finanzielle Unabhängigkeit und das Vorhandensein von hohen Vermögen geht häufig mit einer wirtschaftlichen und politischen Machtposition einher (vgl. z.B. Grabka und Frick 2007, S. 665ff und Hauser 2009, S. 60-61).

Über solch eine materielle Sicherheit verfügen allerdings nicht alle Menschen. Frick und Grabka (2009) untersuchen den Zusammenhang von relativer Einkommens- und Vermögensarmut.1 2007 waren 17 Prozent der Bevölkerung von relativer Einkommensarmut betroffen. Der Anteil der relativ vermögensarmen belief sich auf 43 Prozent. Zwölf Prozent waren sowohl relativ einkommens- als auch vermögensarm und gut fünf Prozent waren zwar von relativer Einkommensarmut betroffen verfügten aber über ein nennenswertes Vermögen (vgl. Abbildung 1).

Weiterlesen

Wikipedia: Grenzenlose Exklusion?

Schlagwörter

, , ,

Ein Essay zum Schwerpunkt „Exklusion“ von Leonhard Dobusch 

„Welcome to Wikipedia, the free encyclopedia that anyone can edit.“ Diese freundliche Begrüßung findet sich auf der Startseite der englischen Wikipedia. Ganz ähnlich die Vision auf der Seite der gemeinnützigen Wikimedia Foundation, der Organisation hinter der Wikipedia: „Imagine a World in which every single human being can freely share in the sum of all knowledge.“

Beide Sätze stehen für digitale Inklusionsutopien. Jede/r – „anyone“ – soll die Möglichkeit haben, in der Wikipedia am Weltwissen mitzuwirken. Jeder einzelne Mensch – „every single human being“ – soll sich frei am digitalen Wissensaustausch beteiligen können. In den ersten Jahren von Wikipedias rasantem Aufstieg zur zentralen Anlaufstelle für das Weltwissen und zur einzigen nicht-profitorientierten unter den zehn meistbesuchten Webseiten wurde deshalb auch diskutiert, ob bei soviel Offenheit nicht Qualität und Seriosität auf der Strecke bleiben müssten? Die meistgestellte Frage lautete in etwa so: Wie Qualität und Neutralität wahren, wenn jederzeit irgendjemand irgendetwas ändern, ergänzen oder löschen kann? (vgl. z.B. den Focus-Artikel „Dilettanten und Fälscher bei Wikipedia“)

Die Antwort auf diese Frage gaben einerseits Studien, die in Wikipedia nicht mehr Fehler fanden als in der renommierten Encyclopedia Britannica (z.B. Giles 2005). Andererseits entwickelte sich die Wikipedia weiter, führte beispielsweise „gesichtete Versionen“ ein, die von erfahrenen WikipedianerInnen geprüft wurden. Und auch wenn immer wieder einmal Meldungen von manipulierten oder falschen Wikipedia-Einträgen die Runde machen, so steht spätestens seit dem Ende von Printenzyklopädien und der völligen Einstellung des Brockhaus die wiki-basierte Online-Enzyklopädie als Sieger fest. Heute gibt es kaum eine Internetsuche, die nicht eine prominent in den Ergebnissen platzierte Wikipedia-Seite zu Tage fördert. Die normative Kraft des Faktischen macht Wikipedia zum zentralen Wegweiser durch das Weltwissen.

Gleichzeitig hat sich die Kritik an Wikipedia geändert, ja paradoxerweise ins Gegenteil verkehrt. Nicht übermäßige sondern mangelnde Offenheit gelten heute als das größte Problem der Wikipedia. Zwar kann immer noch jede/r Wikipedia editieren, tatsächlich tut es aber letztlich nur eine kleine Minderheit. Die Situation wird in der Wikipedia selbst auf der Seite zu „Systemic Bias“ detailliert ausgeführt:

„The average Wikipedian on the English Wikipedia is (1) a male, (2) technically inclined, (3) formally educated, (4) an English speaker (native or non-native), (5) aged 15–49, (6) from a majority-Christian country, (7) from a developed nation, (8) from the Northern Hemisphere, and (9) likely employed as a white-collar worker or enrolled as a student rather than being employed as a laborer.“

Oder, in den Worten von Sarah Stierch, die sich im Auftrag der Wikimedia Foundation näher mit Diversitätsfragen in der Wikipedia auseinandergesetzt hat: „[I]t’s being written by middle-aged white guys.“ Wie dramatisch niedrig beispielsweise der Anteil weiblicher Editorinnen ist, zeigt ein Vergleich mit anderen Online-Communities: Während mehr Frauen als Männer soziale Netzwerke im Internet nutzen und sich auch in techniklastigen Plattformen wie Google+ oder Reddit 27 bzw. 16 Prozent der Nutzer/innen sich weiblich verorten, traf das in der letzten Editor-Survey 2011 gerade einmal 9 Prozent der aktiven Wikipedianer/innen zu – noch weniger als in Studien davor. [1] Weiterlesen