Schlagwörter

Ein Essay zum Schwerpunkt „Exklusion“ von Anita Tiefensee

Der materielle Wohlstand von Individuen besteht aus den beiden zentralen Ressourcen Einkommen und Vermögen. Wobei gerade der Besitz von letzteren neben erweiterten Konsummöglichkeiten u. a. Einkommensausfälle stabilisieren kann und der Alterssicherung, der (Aus-)Bildung von Kindern und der intergenerationalen Übertragung dient. Der Besitz von Vermögen schafft somit eine finanzielle Unabhängigkeit und das Vorhandensein von hohen Vermögen geht häufig mit einer wirtschaftlichen und politischen Machtposition einher (vgl. z.B. Grabka und Frick 2007, S. 665ff und Hauser 2009, S. 60-61).

Über solch eine materielle Sicherheit verfügen allerdings nicht alle Menschen. Frick und Grabka (2009) untersuchen den Zusammenhang von relativer Einkommens- und Vermögensarmut.1 2007 waren 17 Prozent der Bevölkerung von relativer Einkommensarmut betroffen. Der Anteil der relativ vermögensarmen belief sich auf 43 Prozent. Zwölf Prozent waren sowohl relativ einkommens- als auch vermögensarm und gut fünf Prozent waren zwar von relativer Einkommensarmut betroffen verfügten aber über ein nennenswertes Vermögen (vgl. Abbildung 1).

Frick, Grabka und Hauser (2010) erweitern die Analyse indem sie nur liquide Vermögensbestände betrachten, denn gerade Immobilienbesitz oder Betriebsvermögen sind nicht unmittelbar in Geld umwandelbar. Allerdings sinkt die Quote der von relativer Vermögensarmut betroffenen lediglich auf 42,3 Prozent. Zudem ist die Gruppe derjenigen, die zwar relativ einkommensarm sind, aber über ein nennenswertes (liquides) Vermögen verfügen, noch kleiner geworden.
Abbildung 1

Unbenannt

Materielles Vermögen erwirbt man entweder durch Sparen des eigenen Einkommens oder durch Schenkungen und Erbschaften. Diese werden in den nächsten Jahren gerade in Westdeutschland aus den seit den 1950er Jahren akkumulierten Vermögen bestehen. Braun, Pfeiffer und Thomschke (2011) prognostizieren die generationenübergreifenden Übertragungen zwischen 2011 und 2020 auf 1,7 Billionen Euro oder 174 Milliarden Euro jährlich. Immobilienbesitz wird den größten Anteil (ca. 50 Prozent) am Erbe ausmachen. Die Höhe der Erbschaft steigt laut der Prognose mit dem Einkommen. Geringverdiener erben zudem seltener. Es erben also vor allem diejenigen hohe Beträge, die es sich
finanziell leisten konnten bereits überdurchschnittliche Vermögen aus ihrem laufenden Einkommen anzusparen. Mit einer abnehmenden Kinderzahl wird das Erbschaftsvolumen zudem auf einen kleineren Teil der Bevölkerung verteilt. Vermögensarmut wir somit ceteris paribus auch in Zukunft ein Thema bleiben.

1 Definition relative Einkommensarmut: Personen, deren bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen niedriger als 60 Prozent des Medians der Gesamtbevölkerung sind. Definition relative Vermögensarmut: Hierfür liegt keine allgemein anerkannte Definition vor. Frick und Grabka (2009) definieren sie analog zur relativen Einkommensarmut: Personen, deren pro Kopf gewichtetes Nettohaushaltsvermögen weniger als 60 Prozent des Medians der Gesamtbevölkerung beträgt.

Literatur
Braun, R., U. Pfeiffer und L. Thomschke (2011): Erben in Deutschland – Volumen, Verteilung und Verwendung. Deutsches Institut für Altersvorsorge GmbH. Köln.
Frick, Joachim R. und Grabka, Markus M. (2009): Gestiegene Vermögensungleichheit in Deutschland. DIW Wochenbericht Nr. 4/2009. S. 54-67.
Frick, Joachim; Grabka, Markus und Hauser, Richard (2010): Die Verteilung der Vermögen in Deutschland. Hans Böckler Stiftung. Berlin.
Grabka, Markus M. und Frick, Joachim R. (2007): Vermögen in Deutschland wesentlich ungleicher verteilt als Einkommen. DIW Wochenbericht LXXVII (45). S. 665 –672.
Hauser, Richard (2009): Die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland in den letzten Dekaden. In: Druyen, Thomas; Lauterbach, Wolfgang; Grundmann, Matthias (Hg.). Reichtum und Vermögen. Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Reichtums- und Vermögensforschung. VS-Verlag,
Wiesbaden. S. 54 – 68.

Advertisements