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Ein Essay zum Schwerpunkt „Exklusion“ von Inken Wiese

Die Volkswirtin und Philosophin Lisa Herzog argumentierte jüngst in einem Artikel in der „FAZ am Sonntag“, dass es zu den staatsbürgerlichen Pflichten gehört, sich für eine Bildungspolitik zu engagieren, die der Chancengleichheit als einem „zentralen Wert demokratischer Rechtstaaten“ tatsächlich gerecht wird. Sie zeigt auf, wie die individuelle Förderung, die insbesondere Mittelschichts-Eltern ihren Kindern zukommen lassen, deren Startvorteile nur vermeintlich verbessert. Denn dieses „Rattenrennen“ führt nach Herzog dazu, dass alle, die mitrennen, „am Ende auf dem gleichen relativen Platz landen wie vorher. Diejenigen aber, die nicht mitrennen [ergänze: können, I.W.], erfahren eine Verschlechterung ihrer relativen Position, auch wenn sie sich absolut gesehen nicht verändert hat“. Herzog argumentiert, dass der strukturell im deutschen Bildungssystem angelegten sozialen Segregation Einhalt geboten werden muss und stattdessen Maßnahmen ergriffen werden müssen, um „Erfahrung von Gemeinschaft, Begegnungen über die Schichten hinweg und einen Sinn von Normalität“ erlebbar zu machen. Eine solche Bildungspolitik zu schaffen, ist Aufgabe der Politik. Dies einzufordern, ist damit letztlich Aufgabe aller Bürger.

Die zahlreichen Leserkommentare zu diesem Artikel zeigen, wie schwer es ist, Anhänger für diese Forderung zu finden – eine Erkenntnis, die Sozialdemokraten nicht neu ist. Verschiedene Leser, darunter vermutlich viele Eltern, schienen sich vor allem persönlich angegriffen zu fühlen. Viele setzten die Forderung, Chancengleichheit durch staatliche Maßnahmen herzustellen, mit „Kommunismus“ oder „Sozialismus“ gleich oder taten sie damit ab, dass „totale Gleichheit“ weder wünschenswert noch machbar wäre. Mir scheint, dass Aufklärung darüber, was Chancengleichheit eigentlich umfasst, auch unter Bildungsbürgern, zu denen sich vermutlich viele FAZ-Leser zählen, nottut!

Mit ähnlichen Reaktionen bin ich regelmäßig auch in meinem Bekanntenkreis, der zwar von Bildungsbürgern, aber nicht von FAZ-Lesern dominiert ist, konfrontiert. Beispielsweise wenn ich mich kritisch über den Umzug von Familien in Bezirke mit „besseren“ Schulen äußere oder die Praxis kritisiere, Untermietverträge in Scheinwohnungen zu schließen, die in sozial stabileren Bezirken liegen, um die Kinder darüber in den dortigen Schulen anmelden zu können. Anregungen, statt einer Patenschaft für ein Kind in Subsahara-Afrika lieber eine Patenschaft für ein Kind in der Schule der eigenen Kinder zu übernehmen, z.B. in Form gemeinsamer Flöten- oder Nachhilfestunden, verhallen ungehört.

Natürlich sind derartige Einzelmaßnahmen nicht geeignet, etwas an den grundlegenden Strukturen unserer Bildungspolitik zu ändern. Dies betont auch Herzog. Aber solche Einzelaktionen sind geeignet, um die bildungsbürgerliche Mittelschicht wieder an die von Herzog geforderten Erlebnisse von Gemeinschaft heranzuführen. Das Fehlen solcher Erlebnisse verstärkt das herrschende Gefühl, als Einzelperson nichts verändern zu können. Politikverdrossenheit als sich selbsterfüllende Prophezeiung. Individuelles, zivilgesellschaftliches und politisches Engagement hingegen kann diese Verdrossenheit abbauen, wie sich immer wieder auch in zeigt. Und zwar zugleich auf Seiten der zunehmend Ausgeschlossenen und der Eingeschlossenen.

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