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Essay zum Schwerpunkt „Exklusion“ von Johanna Klatt

Exklusion[1] ist ein beidseitiger Prozess, der paradoxerweise eben daraus resultiert, dass gesamtgesellschaftlich dominierende Werte von sozial Schwachen in gleichem Maße verinnerlicht sind wie von anderen sozialen Gruppen. Die Ziele und Horizonte von „Unterschicht“ und „Mittelschicht“ unterscheiden sich weniger voneinander als in der breiten Öffentlichkeit angenommen wird. Der Abnormalitätsprämisse, die „Unterschicht“ vertrete spezifische Normen und lebe in einer ganz eigenen „Kultur der Armut“, ist dahingehend zu widersprechen. Denn gerade die Orientierung an omnipräsenten Werten (Arbeit, Leistung, Bildung) und das zeitgleiche Wissen um die geringe Wahrscheinlichkeit auf (Re-)Integration in den ersten Arbeitsmarkt, lassen Exklusion entstehen und zum Teil verheerend auf das betroffene Individuum wirken. Aus diesem Wertesystem ergibt sich eine klare Hierarchie bestimmter beruflicher Tätigkeiten (keine Arbeit, gering qualifizierte Arbeit, wissensbasierte Arbeit), die den Wert eines Mitgliedes unserer Gesellschaft bestimmt. Die Dimension Arbeit (und nicht allein die materielle Dimension) ist damit die dominierende und über alle anderen Dimensionen erhabene.

Die Wahrnehmung von Exklusion unterscheidet sich zwischen den Geschlechtern. Und zwar dahingehend, dass für Frauen in sozial benachteiligten Quartieren im Mutter-Sein zum Teil eine rollenadäquate Alternative zum Ersten Arbeitsmarkt besteht, während die Selbstwahrnehmung von Männern die Folgen von Arbeitslosigkeit vergleichsweise schwerer wirken lässt, da für sie das Vater-Sein nicht in gleichem Maße ein alternatives Rollenmodell darstellt. Männer sind damit, über den Ausschluss vom ersten Arbeitsmarkt hinaus, durch persistente bipolare Gendermodelle von der Ausübung einer bestimmten Ersatzrolle exkludiert.

Viele Soziale Stadt-Programme sind auf der andere Seite vermehrt (und häufig ungewollt) „weiblich“ geprägt. Frauen und Mütter sind hier zentrale Charaktere, leisten Arbeit, die – weil keine reguläre Lohnarbeit – nicht in der breiteren Öffentlichkeit als solche wahrgenommen wird. Und kaum Rentenanrechte für die Einzelne begründet. Die Dienstleistungsgesellschaft ist dahingehend nicht weit genug entwickelt. Die „Dienstleistungen“ des sozialen Sektors, die Pflege der Familie, von Kindern, von Alten, also Leistungen, die viele „Exkludierte“ tagtäglich in Nachbarschaftszentren, Mehrgenerationenhäusern und anderen Räumen erbringen, werden, weil sie vermeintlich nicht Leistungen im ersten Arbeitsmarkt entsprechen, nur unzulänglich gewürdigt. Bipolare Geschlechtervorstellungen sowie gesamtgesellschaftlich eingeschränkte Begriffe davon, was Arbeit und Leistung für die Gesellschaft darstellen, sind Auslöser von Exklusion.

Gesamtgesellschaftlich unterschätzt werden die Ressourcen und spezifischen Fähigkeiten, die sich in sozial schwachen Stadtteilen anfinden lassen. Würde man die Perspektive einmal umdrehen wollen und nicht ausschließlich einen Verändungsanspruch an die Bewohnerinnen und Bewohner von sozialen Brennpunktquartieren stellen, könnten von ihnen auch Angehörige der so genannten Mehrheitsgesellschaft  lernen. Ein Beispiel hierfür wäre erstens der direkte Kontakt zu verschiedenen Kulturen, die Erfahrungen darin, im engsten Nahbereich mit Menschen aus verschiedenen Ländern in Kontakt zu leben. (Damit handelt es sich um eine andere und deutlich intensivere interkulturelle Erfahrung als diese, die etwa Gymnasiasten in einem Auslandsjahr oder Studenten in einer Erasmus-Erfahrung sammeln.) Zweitens ist eine wichtige Ressource einiger Individuen in sozial schwachen Stadtvierteln, die sich insbesondere bei so genannten Viertelgestalterinnen und Viertelgestaltern auffinden lässt, eine bestimmte Form von persönlicher Einstellung und inneren Ambitionen, ein abstrakter Handlungsdrang und spezifischer Leistungsethos. Gerade einzelne Bewohnerinnen und Bewohner mit Migrationshintergrund, deren Bildungsabschlüsse aus dem Ausland in der Bundesrepublik nicht anerkannt wurden, sind gewissermaßen „blockierte Eliten“ des Nahbereichs und prägen (trotz ihres persönlichen Schicksals) zum Teil ganze Gemeinschaften, die um sie herum wohnen und leben. Von derartigen Persönlichkeiten, von ihren Resilienzerfahrungen und ihrem Selbstwirksamkeitsempfinden, könnten auch Bewohnerinnen und Bewohner anderer Stadtviertel und Milieus etwas mitnehmen.

Die bisherigen Antworten der sozialen Demokratie auf die Exklusionsthematik sind in bestimmter Hinsicht begrenzt, beziehungsweise bewegen sich perspektivisch betrachtet noch zu einseitig. Möchte man der sozialen Exklusion bestimmter Teilgruppen entgegen wirken, darf die Bewegung nicht ausschließlich aus dem Viertel heraus kommen. Sie muss beidseitig sein und politisch-kulturelle Veränderungen in der gesellschaftlichen Mitte beinhalten. Zunächst bedarf es hierfür einer Reflexion von Vorurteilen und Perzeptionen hinsichtlich des Lebens und der Leistung von gering Qualifizierten. Ein Reflektieren über das Ansehen unqualifizierter und nicht wissensbasierter Tätigkeiten. Und über die alles dominierende Wertehierarchie der Arbeitsgesellschaft (keine Arbeit, gering qualifizierte Arbeit, wissensbasierte Arbeit). Bei diesem Thema führt kein Weg an der Frage vorbei, ob Alternativen zu Arbeitswelt bestehen, beziehungsweise, ob diese überhaupt erwünscht sind. (Ein Engagement in der Bürgergesellschaft, dies lässt sich aus unseren Erhebungen in sozial schwachen Stadtvierteln immer wieder entnehmen, wird jedenfalls nicht als adäquate Alternative zu derselben erachtet. Würde man dies wünschen, so müsste man in Lebenswelten der Mittelschicht ansetzen und bürgerschaftliches Engagement zu einem exakten Pendant zur Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt anheben, also zum Beispiel breitflächig ein Sabbatjahr für freiwilliges Engagement einführen.)


[1] Exklusion wird im Folgenden über die Kategorien sozialer Segregation (Wohnort), (relativ niedriges) Einkommen, (relativ niedriger) Bildungsgrad und Arbeit(-slosigkeit) verstanden. Es geht damit weitgehend um die Exklusion von der so genannten Mehrheitsgesellschaft.

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