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Ein Essay zum Themenschwerpunkt „Sicherheit“ von Christian Miesner

Wer sich mit dem Thema Sicherheit beschäftigt begegnet einem Gegenstand, der in weiten Teilen bipolar und von widersprüchlicher Natur ist. Einige dieser Widersprüchlichkeiten werden im Folgenden kurz beleuchtet. Dabei soll die Brücke geschlagen werden zwischen einem erweiterten Sicherheitsbegriff der soziale Faktoren berücksichtigt,[1] einem schwerpunktmäßig auf Kriminalität bzw. auf die Furcht vor Kriminalität bezogenen (Un-)Sicherheitsbegriff und der Sozialdemokratie.

Die alles überschattende Hauptkonfliktlinie der Sicherheitsdiskussion ist die zwischen Freiheit und Sicherheit, wobei dem Staat dabei die undankbare Aufgabe zukommt, beides garantieren zu müssen. Sicherheit ist vom Staat zu garantieren, damit das Individuum im Staatsgebiet Freiheit und Sicherheit genießen kann. Desorganisation und von den Normen abweichendes Verhalten kann in extremen Formen Freiheit und Sicherheit gefährden. Letztendlich kann potenziell jedes Individuum bzw. das Ausleben von Freiheit jenseits geltender Gesetze, Werte und Normen, die Freiheit anderer Individuen und die Sicherheit und Ordnung des Staates gefährden. Auf der anderen Seite ist das Individuum vor ausufernden staatlichen Eingriffen in seine Lebensführung etc. zu schützen. Es wird an dieser Stelle auf eine weitergehende (philosophische) Diskussion dieser Umstände aus Platzgründen verzichtet.

Die Widersprüchlichkeiten haben also mehrere Dimensionen: Sicherheit (innere und äußere) garantiert Freiheit und Sicherheit des Individuums. Zugleich kann individuelle Freiheit die Sicherheit gefährden. Folglich muss Sicherheit die individuelle Freiheit einschränken. Zugleich muss das Individuum Freiheiten zugesichert bekommen. Dies ist verkürzt dargestellt der grundlegende Zusammenhang in den sich, mal mehr mal weniger, alle Sicherheitsfragen einpassen lassen.

Für die soziale Sicherheit die hier im Sinne eines erweiterten Sicherheitsbegriffes verstanden werden soll, trifft dies ebenfalls zu, denn sie schafft neue Freiheiten und über Umwege auch neue Unsicherheiten. Besonders gut in der Disziplin des Schaffens neuer Freiheiten sind, wie Ullrich (2005: 109ff) zeigt, die Sozialdemokraten bzw. die von ihnen erkämpften ‚sozialdemokratischen’ sozialen Sicherheiten und Freiheiten. Weiter präzisiert geht es um die sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaaten, die besonders ‚defamilialisierend’, bzw. ‚dekommunitarisierend’ (ebd.) wirken. Sie tragen also dazu bei, dass sich alt hergebrachte und vermeintlich sicherheitsstiftende Strukturen, wie Familien und Kleingemeinschaften verändern oder sogar auflösen. Warum? Unter anderem, weil Teilfunktionen vom Staat übernommen werden. Obendrein schaffen (sozial-)demokratisch geprägte Staaten neue soziale Gruppen mit neuen bzw. bis dato unbekannten (Sicherheits-)Bedürfnissen.

Beispiele: Da das konstituierende Merkmal für die einseitige Aufkündigung des Arbeitsverhältnisses nicht mehr das Dahinscheiden des Arbeiternehmers ist, sondern diesem seit Kurzem ein weiteres Drittel an Lebenszeit nach der Arbeitszeit zur Verfügung steht, ist hier eine neue soziale Großgruppe entstanden: Die Alten, die nicht mehr wie früher auf dem Altenteil dahinsiechen und zeitnah versterben, sondern aktiv, sportlich und frei ihren Lebensabend gestalten wollen. Außerdem, doch dies sei nur am Rande erwähnt, erwachsen aus solchen Entwicklungen sogenannte Risiken zweiter Ordnung wie z.B. Pflegebedürftigkeit (ebd.: 66). Alles in allem ist ein höherer/veränderter Bedarf an Sicherheit entstanden. Eine weitere Großgruppe, die in besonderem Maße von der Defamilialisierung und der Auflösung von traditionellen, patriarchalen Familienstrukturen profitiert, ist die der Frauen (ebd.: 109).

Mit dem Entstehen dieser ‚neuen’ (so wirklich neu sind sie ja nicht) oder besser gesagt mit der Aktivierung dieser Gruppen werden neue Sicherheitsbedarfe erzeugt. Die Bedarfe werden u.a. sichtbar in der Kriminalitätsfurcht bzw. dem sogenannten ‚Subjektiven Sicherheitsgefühl’.[2] Es liegt in der Natur des subjektiven Sicherheitsgefühles, – eine weitere Ungereimtheit – dass es nicht zwangsläufig der realen Kriminalitätslage bzw. dem Risiko entspricht, Opfer von Kriminalität zu werden. Angst vor Kriminalität kann auch an Orten auftreten, an denen objektiv kaum oder keine Kriminalität stattfindet.[3] In dem Term Kriminalitätsfurcht-Paradoxon drückt sich aus, dass es vor allem die oben benannten Gruppen sind, die besonders furchtsam sind oder sich unsicher fühlen. Der Statistik ist jedoch zu entnehmen, dass gerade diese Gruppen im Vergleich ein geringeres Risiko haben Opfer (Viktimisierung) von Kriminalität zu werden (Schwind 2009: 421). Die Antwort auf die Frage, was dazu führt, dass sich Menschen unsicher fühlen, trägt dabei bis zu einem gewissen Grad ebenfalls die skizzierte Widersprüchlichkeit in sich. Denn wie Reuband (2009: 242f) zeigt, sind es vor allem Erscheinungen physischer und sozialer Desorganisation, die Unsicherheiten erzeugen.

Dieser kursorische Ausflug in die Welt des Sicherheits- und Unsicherheitsbegriffes sollte verdeutlichen, dass die Sozialdemokratie eine tiefgehende Verbindung zu Thema Sicherheit hat und damit auch in gewissen Sinne die oben skizzierte mögliche Widersprüchlichkeit bezogen auf Freiheit und Sicherheit in sich trägt. Daraus resultiert die Notwendigkeit zu bedenken, dass diese möglicherweise durch ein entsprechendes Handeln manifest werden.

Literatur:

Daase, Christopher (2010): Der erweiterte Sicherheitsbegriff. Im Internet: http://www.sicherheitskultur.org/workingpapers/01-Daase.pdf

Heinrich, Stephan und Lange, Hans-Jürgen: Erweiterung des Sicherheitsbegriffs. In:  Lange, Hans-Jürgen; Jakowatz, Stefan (2008): Auf der Suche nach neuer Sicherheit. Fakten, Theorien und Folgen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Reuband, Karl-Heinz: Kriminalitätsfurcht. Erscheinungsformen, Trends und soziale Determinanten. In:  Lange, Hans-Jürgen; Jakowatz, Stefan (2008): Auf der Suche nach neuer Sicherheit. Fakten, Theorien und Folgen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Schwind, Hans-Dieter (2009): Kriminologie. Eine praxisorientierte Einführung mit Beispielen. 19. Aufl. Heidelberg: Kriminalistik-Verl.

Ullrich, Carsten G. (2005): Soziologie des Wohlfahrtsstaates. Eine Einführung. Frankfurt am Main: Campus.


[1] Wie z.B. von Heinrich/Lange 2008 und Daase 2010 beschrieben. Im vorliegenden Fall mit Betonung sozialer Sicherheit.

[2] Im Zuge von Bürgerbefragungen wird z.B. das nächtliche Unsicherheitsgefühl im sozialen Nahraum abgefragt.

[3] In diesem Fall wird von sog. Angstorten gesprochen.

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